Wie ich Nero fand

Augen wie zwei schwarze Kirschen in einem gelben Ring hat Nero, unser drolliger kleiner kohlschwarzer Kater. Wenn ich ihn mir so ansehe, den Kleinen, dann bin ich schon ein bisschen stolz, dass er jetzt hier ist. Ich bin auch dankbar für den Zufall, der mich an jenem grauen Novembertag vor ein paar Jahren in das kleine verlassene Dorf in den Weinbergen am Mont Vully geführt hat, wo alles begann.

Nie hätte ich mir träumen lassen,  dass dieser Sonntagsausflug mein Leben so nachhaltig  verändern würde. Mit meiner Freundin Anna Maria hatte ich mir das Dorf angeschaut. Sie redete gerade mit einer alten Frau, und ich stand plötzlich vor einem kleinen, mit Weinreben überwuchertem Haus. Oleander in Kübeln, Kisten und Harrassen, Obst- und Gemüsekörbe, Katzen, Hortensien - dies alles ergab ein malerisches Bild.

Anna Maria wollte Weintrauben kaufen, frisch von den Reben mussten sie sein. „Sie sind hier viel billiger als bei uns“, behauptete sie, und mit einem Blick auf das Haus sagte sie noch: „Komm, hier ist alles voll Abfall.“ Verächtlich blickt sie auf die etwas unordentlich aufgestapelten leeren Holzkisten, Plastikbehälter und die schmuddelige Umgebung. Mir gefielen die grossen Kübelpflanzen neben der Haustür.  Und neben ein paar ausgetrockneten Blumenkisten entdeckte ich etwas Schwarzes. Zwei winzige runde Augen, von denen eines fast zugeklebt war, während aus dem anderen eine eitrig-gelbe Flüssigkeit rann, schauten zu mir herauf. Ich nahm das kleine Kätzchen auf den Arm.

Anna Maria kreischte: „Bist du wahnsinnig, das Tier ist doch krank, voller Ungeziefer, komm, wir gehen“.  Sie lief eilig davon und ich spürte sofort das Bedürfnis, mir die Hände zu waschen. Erschrocken setzte ich das Kleine wieder auf den Boden. Es blieb reglos sitzen, und sein dünnes Piepsen verfolgte mich.

Etwas ausserhalb des Dorfes waren etwa ein halbes Dutzend Männer und Frauen bei der Weinlese. Anna Maria kaufte dort ein paar Kilo Weintrauben und brachte den Sack zum Auto. „Willst du keine?“ Ich schüttelte den Kopf: „Ich mache mir nicht so viel aus Trauben“. Auf der  Heimfahrt redete Anna Maria über vielerlei, und ich hörte überhaupt nicht zu. Ich musste an die kleine kranke Katze denken, würde sie überleben?

Am Abend rief ich meine Freundin Elisabeth an und erzählte ihr, was ich erlebt hatte. „Weißt du, wahrscheinlich kümmert sich niemand um das Kleine, sicherwird es sterben“, schluchzte ich. „Wenn es dich so beschäftigt, dann musst du unbedingt noch einmal dorthin fahren“, meinte Elisabeth.

So kam es, dass ich am nächsten Morgen einen Katzenkäfig mit einer Decke ins Auto stellte und wieder Richtung Westen fuhr. Aber ich fand den Weg nicht mehr. Ich wusste weder den Namen des Weindorfes, noch welche Strassen wir gefahren waren. Verloren irrte ich zwischen Dörfern und Feldern umher. Vom See her stieg dicker Nebel.  auf. Die Strasse konnte ich kaum noch erkennen

Ich war verzweifelt. Sollte ich aufgeben und wieder nachhause fahren? Das Dorf mit den Katzen musste doch ganz in der Nähe sein!

Endlich sah ich die Häuser der Weinbauern am Mont Vully und fand das Gehöft. Es war Mittagszeit. Vor dem Haus stand ein Wagen voll Weintrauben. Die Familie war sicher gerade beim Mittagessen. Ich wusste nicht, was mich erwartet. „Sei diplomatisch“! hatte Elisabeth am Telefon gesagt, „vielleicht haben es diese Leute ja nicht so gern, wenn jemand aus der Stadt kommt und ihnen sagt, dass sie nicht gut zu ihren Katzen schauen würden“.

Ich klopfte zaghaft an die Tür. Ein jüngerer Mann kam heraus. „Können Sie mir etwas Wein verkaufen?“ stotterte ich. „Wir verkaufen keinen Wein“, antwortete er und musterte mich misstrauisch. Ich nahm allen Mut zusammen: „Gestern habe ich bei Ihrem Haus ein kleines schwarzes Kätzchen gesehen, ist es noch da?“

Er ging ein paar Schritte vors Haus, und genau wie am Tag vorher sass unter dem welken Oleanderbusch noch immer das kleine schwarze Tierchen, wie wenn es auf mich gewartet hätte. Aus verklebten Augen schaute es mich an. Es sah nun noch schlimmer aus, auch das Mäulchen war jetzt schmutzig-eitrig, das Fell staubig. Der Mann nahm die kleine Katze vorsichtig auf die Hand und schüttelte den Kopf: „Das stirbt sowieso, ich werde es wohl heute abend töten müssen.“

Den Aufschrei in meiner Brust hatte er nicht gehört. Ich war soweit gefahren und jetzt? Nicht das! „Bitte,  geben Sie mir das Kätzchen“, sagte ich, „ich fahre sofort zum Tierarzt, und der kann es immer noch töten, wenn es nicht mehr lebensfähig ist“. Der grosse Mann zögerte einen Moment und schien dann erleichtert: „Hier nehmen Sie es.“ Er gab mir das kleine Fellbündel.  „Und warten Sie noch einen Augenblick!“

Er ging zum Lastwagen und füllte zwei Hände voll Weintrauben in einen Plastiksack: „Hier, die schenke ich Ihnen. Und vielen Dank, dass Sie die Katze mitnehmen, ich hasse es, wenn ich Katzen töten muss.“

Im Gitterkäfig machte ich aus der warmen Decke ein kleines Nest und setzte das Häufchen Elend darauf, es piepste kläglich.  Nach einer knappen Stunde Fahrt kam ich zur Tierarzt-Praxis. Es war Samstagnachmittag. Ich hatte vorherangerufen und gesagt, dass ich wahrscheinlich mit einem kranken Kätzchen als Notfall käme.

Mein guter alter Katzendoktor meinte: „Wir müssen abwarten, das Tierchen ist sehr schwach“. Er gab Nero, so hatte ich inzwischen den kleinen Schwarzen getauft, erst einmal eine winzige Spritze und putzte seine Augen und das Mäulchen. „Geben Sie ihm diese Nährlösung. Wenn er nicht trinkt, dann probieren Sie es mit der Pipette, und rufen Sie mich am Montag an.“

Also! Bis hierher hatten wir es geschafft. Ich verliess stolz die Praxis mit Nero Odin, denn, dass der Kleine etwas ganz Besonderes war, hatte ich sofort gewusst.

Die nächsten Tage machten uns alle sehr glücklich. Kaum war ich zuhause, stürzte sich das Kleine auf die angerührte Milch und schlabberte lustig drauflos.Das Kätzchen wog ganze vierhundert Gramm. Ich setzte es in den Sand einer Katzenkiste, und der Winzling wusste gleich genau, für was das gut war.  Er wackelte mit seinem winzigen kleinen Hinterteil und hüpfte mit einem gewagten Satz aus dem Kistchen. Zum Einstieg hatte ich ein breites Holzstück davor gelegt, der Rand des Katzenklos war so hoch wie sein Köpfchen. Dann gings auf Entdeckungsstreifzüge durch die Wohnung. Jeden Tag ging es ihm besser. Augensalbe und Ohrenputzen vertrug er gut. Der Tierarzt war zufrieden.

Mein Kater Bläcky hat den Kleinen adoptiert und ihm alles gezeigt, was Katzen wissen müssen. Er hat ihn geputzt und geleckt, und Nero durfte von Anfang an seinem Bauch gekuschelt schlafen. Katze Chica hat den Eindringling anfangs, wo es ging, bekämpft und ist fast krank geworden vor Eifersucht. Heute sind wir alle stolz auf unseren Nero Odin de Vully, er ist ein richtiger Prachtkater geworden, und ich hätte es mir nie verziehen, wenn ich den Kleinen nicht gerettet hätte.
Christine Frey
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